Auf der Suche nach Mr. Doctor - Chronologie einer außergewöhnlichen Band
Eine Einleitung über die slowenische Kultband zu schreiben ist eigentlich vergebene Liebesmüh, denn vielen oder gar den
meisten wird der Name Devil Doll wohl ungeläufig sein und jenen Leuten die Band anhand einer Einleitung näherzubringen ist
ebenfalls eine schier unlösbare Aufgabe, sind Devil Doll und vor allem ihr Schöpfer Mr. Doctor doch trotz einiger hier
aufgeführten Anhaltspunkte so etwas wie ein Buch mit sieben Siegeln. Man könnte sogar von einem Mythos sprechen, hält
man sich die über Jahre immer wiederkehrenden Gerüchte über die Band vor Augen, die nicht eben mehr dazu beitrugen, etwas
genaueres über Devil Doll zu erfahren. Somit war es eigentlich schon lange einmal an der Zeit, all das zusammenzutragen, was
man über die Slowenen weiß, um etwas Licht ins Dunkel zu bringen, ohne dabei jedoch diesen Mythos oder Kult zu zerstören,
der schlicht und ergreifend zu dieser Band gehört.
1987 – Die Geburtsstunde
Bevor die Chronologie selbst ihren Lauf nimmt, sollte ich vielleicht einige Worte über die Musik der Band vorwegnehmen. Die
fünf bisher offiziell erschienenen Alben klingen zugegebenermaßen sehr ähnlich, sind aber wohl das atmosphärisch
einzigartigste, was mir bisher zu Ohren gekommen ist. Auf äußerst eindringliche Art und Weise verschmelzen bei Devil Doll
Elemente alter Horrorfilm-Soundtracks mit symphonischen, teils rockigen bis metal-lastigen Passagen, die den geneigten
Hörer in eine völlig eigene, irrationale Welt entführen, sofern er sich ganz auf die Musik einläßt und in sie hinein versinkt.
Besonders wichtig ist dabei natürlich die unbeschreibliche Stimme des Mr. Doctor, die wohl ihresgleichen sucht und die so
unterschiedliche Emotionen wie Angst, Erhabenheit oder auch Heiterkeit perfekt zum Ausdruck bringt. Gleiches gilt auch für
die Musik, die in einem Moment sakral und elegisch, im nächsten Moment jedoch wieder pompös oder gar nach dem
Orchester einer Zirkusmanege klingt. Wahrlich keine Musik, die man als eingängig bezeichnen kann, sondern vielmehr ein
„Trip in das Labyrinth menschlichen Geistes", wie es Jurij Toni so treffend formuliert hat.

März: Die „Devil Doll" Sekte beginnt unter der Leitung eines gewissen Mr. Doctor mit den ersten Proben. Einige Musiker
werden durch eine Werbeanzeige mit folgendem Inhalt „gelockt":
| A MAN IS THE LESS LIKELY TO BECOME GREAT THE MORE HE IS DOMINATED BY REASON: FEW CAN
ACHIEVE GREATNESS- AND NONE IN ART- IF THEY ARE NOT DOMINATED BY ILLUSION. |
Ein Zitat, das, wenn man auch die späteren Werke der Band kennt, wirklich passender hätte nicht gewählt werden können,
verrät es doch mehr als deutlich, mit welcher Leidenschaft Mr. Doctor seiner Musik Leben einhaucht.
April - Juni: Ursprünglich und kurioserweise gab es zwei verschiedene Line-Ups, die unter dem Namen Devil Doll ihr
Dasein fristeten, eines in Ljubljana, Jugoslawien (heute Slowenien) und eines in Venedig, Italien.
Juli - Dezember: Mr. Doctor stellt unter dem Titel „The Mark Of The Beast" sein erstes vollständiges Werk vor Livepublikum vor. Kurz darauf wird jenes Werk im Studio Tivoli (Ljubljana) von keinem geringerem als Jurij Toni, bekannt durch
seine Arbeit mit Laibach, aufgenommen. Eine Zusammenarbeit die für die nächsten zehn Jahre halten soll, ist der Produzent
doch geschockt und fasziniert zugleich von dem was Devil Doll im Studio zelebrieren. Zitat Jurij Toni: „(die Musik beschreibt
wahrlich) das vollständige Eintauchen in das Labyrinth menschlichen Geistes".
1988
Februar: Lediglich eine Kopie des „Mark Of The Beast" Albums wird gepreßt und mit einem von Mr. Doctor handgemalten
Cover versehen. Ein einmaliges musikalische Zeitzeugnis, welches nie wieder veröffentlicht wird und somit für den Großteil
der Fans ein Mythos bleibt.
März/ Juli: Die Proben zum neuesten Projekt der Band beginnen. „The Girl Who Was... Death", so der Titel, ist inspiriert
durch Patrick McGoohans esoterische Fernsehserie „The Prisoner", die seinerzeit in England lief. Jener Patrick McGoohan
dürfte den meisten von Euch durch Mel Gibsons Schlachtengemälde „Braveheart" bekannt sein, in dem er den ruchlosen
König Edward nicht nur spielte, sondern in dem er es schlicht und ergreifend war, derart überzeugend meisterte McGoohan
seine Rolle.
Anhang Patrick McGoohan:
In den späten fünfziger Jahren wurde McGoohan zum besten Theater-Schauspieler Großbritanniens gewählt, nachdem er
zusammen mit dem ebenfalls sehr bekannten Orson Welles in Herman Melvilles „Moby Dick" und als Hauptdarsteller in
Ibsens „Brand" aufgetreten ist. In den frühen Sechzigern war er dann in der Rolle des John Drake („Danger Man/ Secret Agent
Man") der bestbezahlteste TV-Schauspieler seines Landes. 1966, auf der Höhe seiner Popularität, wollte Patrick McGoohan
schließlich ein Projekt namens „The Prisoner" in die Tat umsetzen, ohne jedoch irgend jemandem mitzuteilen, worum es sich
bei dieser Serie überhaupt handele. Aus diesem Grund war er auch Schauspieler, Produzent, Screenwriter und Regisseur der 17
Episoden zugleich und schrieb darüber hinaus sogar die Titelmelodie, welche von Ron Grainer orchestriert wurde. Die TV-
Serie „The Prisoner" selbst war ein einzigartiger Skandal in der Geschichte des Fernsehens: Sie war von Beginn an äußerst
bizarr, unwirklich und sehr kompromißlos. Die letzten fünf Episoden waren außerdem über die Maßen rätselhaft. Um so
verständlicher, daß sich die Zuschauer darauf verließen, daß all die vorangegangen Fragen in der letzten Folge endlich
aufgeklärt werden. Doch im Gegenteil, sie warf eben mehr Fragen auf, woraufhin es zu Protestanrufen von Millionen
Menschen kam, die einfach nicht verstanden was sie gesehen hatten. Und in der Tat wurde in der letzten Episode die gesamte
Perspektive geändert, die dann offenbarte, daß alles nur eine gigantische traumhafte Allegorie war. Dieser einmalige „Coup"
war wohl zu komplex, um von den Menschen verstanden zu werden. Es kam sogar zu Morddrohungen, so daß Patrick
McGoohan mit seiner Familie in die Schweiz und später nach Amerika flüchten mußte. Nach dieser Erfahrung gab er die
Schauspielerei mehr oder weniger auf, abgesehen von gelegentlichen Filmen wie dem eben genannten „Braveheart", der
Grisham-Verfilmung „Die Jury" und einigen TV-Auftritten in Columbo mit Peter Falk (McGoohan gewann sogar einen Emmy
für seine Leistung in einer dieser Episoden). Nichtsdestotrotz bleibt „The Prisoner" sein wohl bekanntestes Werk, wurde die
Serie doch schnell zu einer der respektiertesten Kultsendungen aller Zeiten. Gleichzeitig, und so schließt sich der Kreis,
war sie aber auch DIE Inspiration für Mr. Doctor.
Im übrigen behandeln auch Dream Into Dust (eine Ambient-Folk Band aus den USA) das Thema „The Prisoner" auf ihrer
gleichnamigen Single-EP. Doch das nur am Rande...
September: Der slowenische Teil der Devil Doll Truppe (mit Hilfe einiger Musiker des italienischen Teils der Band) macht
sich an die Arbeit, um das erste offizielle Album im Tivoli Studio aufzunehmen.
November: Devil Doll Fans der ersten Stunde gründen in Venedig das bis heute noch existierende Label Hurdy Gurdy
Records, dessen Name und Logo wiederum vom Meister selbst, Mr. Doctor ausgewählt werden. Weiterhin fordert er, daß zehn
Kopien eines jeden Devil Doll Albums in einer speziellen Samt-Box gepreßt werden sollen, die darüber hinaus von Hand
gefertigte Beilagen (schätzungsweise Booklet usw.) enthalten. Eben diese Editionen sind exklusiv nur für Mitglieder der Band
gedacht und sollen von jedem in den nächsten Jahren folgenden Alben hergestellt werden.
22. Dezember: Die Live Premiere von „The Girl Who Was... Death" findet im Kud France Preseren Theater in Ljubljana statt.
Kassetten jenes Albums werden unter den Zuschauern verkauft.
1989
4. März: Es werden 500 Kopien vom ersten Album gepreßt, und gleichzeitig findet das zweite Konzert von Devil Doll statt. Im
Gegensatz zur Premiere werden dieses Mal 150 LP-Versionen von „The Girl Who Was Death" an Zuschauer verkauft. Das
reizvolle daran: Jede einzelne Schallplatte enthält verschiedene Informations-Beilagen - manche geschrieben mit dem Blut von
Mr. Doctor selbst. Die restlichen 350 Kopien werden zerstört, und es dauert eine halbe Dekade bis der Devil Doll-Fan-Club
sich entschließt, das Album wiederzuveröffentlichen. Einziger Wermutstropfen ist dabei die Tatsache, daß nur die damals
verkauften 150 Vinyl-Exemplare das Intro und Outro der Original Aufnahmen enthielten (das Intro, eine Interpretation der
„Prisoner" Titelmelodie und das Outro, ein klassisches Stück, welches von Mr. Doctors Schluß-Erzählung begleitet wird)
Anhang „The Girl Who Was... Death":
Das offizielle Debütalbum von Devil Doll besteht lediglich aus einem Song, der es aber, auch wegen der 25minütigen
Leerphase, auf eine Spieldauer von 66.06 Minuten bringt. Grund für dieses künstliche Strecken ist die Zahl 6, die den
Hauptdarsteller der Serie „The Prisoner" symbolisiert. Andere spekulierten, ob es nicht auch etwas mit der apokalyptischen
Zahl des „Great Beast" zu tun haben könnte, doch das ist wie gesagt reine Spekulation. Fakt ist hingegen, daß neben den
verschiedenen Vinyl-Versionen des Albums auch noch andere Editionen existieren. So z.B. eine auf 333 Einheiten limitierte
Picture CD, von denen wiederum die ersten 30 Stück in einer schwarzen Sarg-Box und in einem schwarzen bzw. violetten
Samtbeutel veröffentlicht wurden. Außerdem gibt es das Debüt noch als Teil einer 4-fach CD-Box, die in einem schwarzen
Seidenbeutel inklusive Devil Doll-Patch, Aufkleber und 12-seitigem Booklet mit exklusivem Bildmaterial und Notenblättern
verkauft wurde. Die elfte Seite des Booklets ist übrigens von Mr. Doctor handgeschrieben worden und enthält bei jeder CD
einen anderen Wortlaut.
April - Juli: Beginn der Proben und Live-Debüt zu dem, was das nächste Devil Doll Album zu sein scheint, vorläufig „The
Black Holes Of The Mind" genannt. Das 45 Minuten lange Album vereinigt sowohl esoterische Zitate als auch unterschwellige
Botschaften.
18. August: Mr. Doctor, begleitet von einigen Devil Doll Musikern, trägt seine eigenen Interpretationen zu 14 Stücken des aus
Deutschland stammenden expressionistischen Komponisten Hanns Eisler vor. Die Show findet im Koala Restaurcija vor einem
mehr als erstaunten Publikum statt. Aufgenommen wird dieses denkwürdige Konzert abermals von Jurji Toni. Man plant eine
Veröffentlichung auf Vinyl unter dem Namen „Mr. Doctor Sings Hanns Eisler", doch leider folgen nur Testpressungen,
während ein offizielles Album nie erscheint.
September - November: Wieder beginnen die Proben zu einem neuen Projekt mit anschließendem Konzert. Das 60 minütige
Werk trägt den Titel „Eliogabalus" und wurde durch eine Arbeit von Antonin Artaud (lebte von 1896-1948, franz.
Schriftsteller, der das zeitgenössische Theater beeinflußte und zu dessen bekanntesten Werken das 1935 entstandene „Theater
Der Grausamkeit" gehört) inspiriert.
Erwähnenswert ist noch, daß im November des Jahres ein zweiter aus neun Fans bestehender Fan-Club entsteht, dieses Mal
mit Sitz in Ljubljana.
Dezember: Erneut suchen Devil Doll das Tivoli Studio auf um mit Jurji Toni ein weiteres Album aufzunehmen. Unglücklicherweise verhindern Geldprobleme seitens von Hurdy Gurdy Records die geplanten Aufnahmen von „The Black Hole Of The
Mind" (zwischenzeitlich in schlicht und einfach „Mr. Doctor" umbenannt) und „Eliogabalus", so daß man sich entschließt
beide Kompositionen auf einer Vinyl-Single zu veröffentlichen. Doch auch dieses Vorhaben scheitert und letztendlich findet
nur ein Teil Verwendung, wobei jedoch erwähnt werden sollte, daß ein gewisser Bor Zuljan die Gitarrenarbeit auf „Mr.
Doctor" übernommen hat.
Anhang Bor Zuljan:
Trotz seines noch verhältnismäßig jungen Alters hat Bor Zuljan schon auf weltweit 200 Alben als Session-Musiker mitgewirkt.
In den meisten Fällen jedoch ohne auf den Platten genannt zu werden, was auch die Tatsache erklärt, daß sein Name den
meisten nicht geläufig sein wird. Erwähnenswert ist aber eine jüngst im slowenischen Fernsehen ausgestrahlte Sondersendung
über den Musiker, in der er auf die Frage eines Journalisten, auf welche Platten, bei denen er mitgewirkt hat, er stolz ist, mit
folgenden Worten geantwortet hat: Die einzigen Alben, die ihn mit Stolz erfüllen, sind die Meisterwerke von Devil Doll...
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